Strategische Planung von Lehrveranstaltungen

Konzeption von Lernzielen

Wissenschaftlicher Hintergrund

Zielsetzung fokussiert unser Verhalten. "Ziele steuern den Einsatz der Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen im Handlungsverlauf und richten ihre Vorstellungen und ihr Wissen auf die angestrebten Handlungsergebnisse aus" (Kleinbeck, 2010, S. 285). Je genauer und exakter man sich Ziele setzt, desto eher werden diese erreicht. Dazu sollten die gesetzten Ziele bestimmte Eigenschaften aufweisen (Ulrich, 2013, S. 76 ff.). Für Lernziele sind v.a. (a) die Hierarchisierung, (b) die Spezifität und (c) ein angemessenes Schwierigkeitslevel zentrale Eigenschaften.
Aus empirischen Studien (z.B. Feldmann, 1989; Marzano, 1998) geht hervor, dass allein das Setzen von Lernzielen zu besserer Lehre führt: Statistisch gesehen haben wir es mit mittleren (R² = .20) bis großen (d = .97) Effekten (vgl. Bortz & Döring, 2002, S. 604) zu tun. D.h. Lehrende, die sich Lernziele setzen, geben im Vergleich zu Lehrenden ohne Lernzielsetzung signifikant und bedeutsam bessere Lehre. Gemessen wurde dies über (1) die Lernleistung der Studierenden in Klausuren, Hausarbeiten etc. sowie (2) die Lehrevaluationsergebnisse, d.h. die Zufriedenheit der Studierenden mit der Lehre (vgl. Feldmann, 1989).
Bedenken Sie: diese Effekte fanden sich nur durch die Setzung von Lernzielen, die Effekte anderer Variablen guter Lehre (z.B. Motivierung der Studierenden) sind darin (noch) nicht enthalten.

Ziel

Erstellung von Lernzielen: Am Ende dieses Abschnitts sollen Sie eine fundierte Hierarchie der Lernziele Ihrer kommenden Veranstaltung aufgestellt haben. Die aufgestellten Lernziele bilden die Grundlage für alle weiteren Aspekte: die ausgewählten (Lehr-)Inhalte, die genutzten (Lehr- & Prüfungs-)Methoden, den Semesterplan, den Aufbau der einzelnen Sitzungen.
Um große Ziele (im folgenden Oberziele genannt) zu erreichen, müssen im Laufe dessen viele kleinere Ziele erreicht werden. Um z.B. das Oberziel Studienabschluss zu erreichen, müssen alle Module erfolgreich absolviert werden (Mittelziele), in den Modulen müssen alle Lehrveranstaltungen erfolgreich abgeschlossen werden (Feinziele). Drei Zielebenen haben sich auch für Lernziele in der Lehre bewährt, es können aber auch nur zwei oder gar vier Ebenen definiert werden (je nach eigenem Bedarf).

Tabelle 1: Ober-, Mittel- und Feinziele
Oberziel Mittelziel Feinziel
Gesamtziel(e) der Lehrveranstaltung: der gesamte Themenkomplex Ein spezifischer Themenkomplex Ein spezifischer, messbarer Einzelpunkt des Themas


Zusätzlich zu dieser hierarchischen Unterteilung empfiehlt sich die ergänzende Differenzierung in die einzelnen Kompetenzen:
  • Fachkompetenz: Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zum inhaltlichen Thema
  • Methodenkompetenz: Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Selbstorganisationsfähigkeit (z.B. wie bereite ich mich optimal auf eine Hausarbeit vor: allgemeine Arbeitsplanung, Literaturrecherche, -auswahl etc.) wie auch zum wissenschaftsmethodischen Arbeiten (z.B. was kennzeichnet korrekte Zitation in meinem Fach)
  • Sozialkompetenz: Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur erfolgreichen Zusammenarbeit untereinander (z.B. Durchführung eines studentischen Forschungsprojektes trotz divergenter Persönlichkeiten; Fähigkeit zu adäquatem Feedback; Übernahme von Führung und Verantwortung; akademische Streitkultur im wissenschaftlichen Diskurs)
  • Personalkompetenz: Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur intrinsischen (Selbst-)Motivation und Fachkultur: Begeisterung für ein Fach, Selbstdisziplinierung und die Übernahme von Werten und Normen der Fachkultur


Dementsprechend ergäbe sich bei Tabelle 1 folgende Abwandlung zu Tabelle 2:
Tabelle 2: Ober-, Mittel- und Feinziele ergänzt um Kompetenzbereiche
  Oberziel Mittelziel Feinziel
Fachkompetenz      
Methodenkompetenz      
Sozialkompetenz      
Peronalkompetenz      

Diese Hierarchisierung bildet die Grundlage für alle weiteren Planungen. Durch ihren strategischen Aufbau (Feinziele bedingen Mittelziele, Mittelziele bedingen Oberziele und vice versa) und ausdifferenzierte Kompetenzbereiche bildet sie eine solide, fundierte Grundlage für die gesamte Lehrveranstaltung. Wichtig: Nicht immer müssen alle Kompetenzen abgedeckt werden und drei Zielebenen vorliegen – es ist je Lehrveranstaltung unterschiedlich.

Die Erstellung der Ziele nimmt einen Großteil der Veranstaltungsplanung ein. Sobald diese stehen, resultiert ein Großteil der folgenden Lehrveranstaltungskonzeption automatisch durch die Festlegung der Ziele.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt bei der Erstellung von Lernzielen

  • die Aufstellung von globaleren Oberzielen als Gesamtziele der Veranstaltung, dem sich alles weitere unterordnet, dem folgend die
  • Ableitung von spezifischeren Zielen aus den Oberzielen – dabei Nutzung von so vielen Ebenen (z.B. Ebene 1: Oberziele, Ebene 2: Mittelziele, Ebene 3: Feinziele), bis eine letzte Ebene existiert, deren Ziele konkret operationalisierbar (= SMART) sind.
In den folgenden Schritten (nächste Seiten) erfolgt
  • die Zuordnung von passenden Prüfungsformen und Lehrformen zu den einzelnen Zielen sowie
  • die Erstellung des Veranstaltungsplanes für das gesamte Semester auf Grundlage der Oberziele und all ihrer abgeleiteten Aspekte (Feinziele, Prüfungsformen, Lehrformen etc.).
  • abschließend die Planung der Einzeltermine im Detail.
  • >

Literatur

Zur Zielsetzungstheorie
Kleinbeck, U. (2010). Handlungsziele. In J. Heckhausen & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln (4., überarb. und erw. Aufl., S. 285–307). Berlin: Springer.
Ulrich, I. (2013). Strategisches Qualitätsmanagement in der Hochschullehre: Theoriegeleitete Workshops für Lehrende zur Förderung kompetenzorientierter Lehre. Wiesbaden: Springer-VS. [Kapitel 2.4]

Zur Konzeption von Lernzielen
Biggs, J. B. and Tang, C. (2011). Teaching for quality learning at university (4th ed.). Open University Press/Mc Graw-Hill Education. [v.a. Kapitel 7]
Ulrich, I. (2013). Strategisches Qualitätsmanagement in der Hochschullehre: Theoriegeleitete Workshops für Lehrende zur Förderung kompetenzorientierter Lehre. Wiesbaden: Springer-VS. [Kapitel 2.7, S. 113-115]

Weitere Quellen zu einzelnen Ergebnissen
Bortz, J. & Döring, N. (2002). Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler (3. überarbeitete Aufl.). Berlin: Springer.
Feldman, K. A. (1989). The association between student ratings of specific instructional dimensions and student achievement. Research in Higher Education, 30 (6), 583-645.
Marzano, R. J. (1998). A theory-based meta-analysis of research on instruction. Aurora, CO: Mid-Continent Research for Education and Learning.

Praxis Bitte wählen Sie ihre Disziplin: Eigene Lehrveranstaltung
Hier kommt die Situation rein

 

 

 

Ausgangssituation

 

 

 

 

Hier kommen die Lernziele rein

Auf Basis dieser Überlegungen trägt er folgende (Lern-)Ziele seine Tabelle ein.

 

Ober-, Mittel- und Feinziele sowie die Kompetenzbereiche, Beispiel Geisteswissenschaften

Kompetenz

Oberziel

Mittelziel

Feinziel

Fach-
kompetenz

 

 

 

Methoden-
kompetenz

Methodenkompetenz (selbstständige Organisation) sowie spezifische Methoden der Geschichtswissenschaft (Textanalyse im Rahmen spezifischer Interpretationsansätze):
Beide sollen dazu führen, selbstständig eine wissenschaftliche Hausarbeit in der Geschichtswissenschaft zu schreiben.

(1.) Quellenanalyse: Arten, Interpretationsansätze (z.B. Great-Man-theory)
(2.) Textanalyse (lesen, exzerpieren etc.), Fachzeitschriften, Rezensionen
(3.) Literaturrecherche: Datenbanken, Suchstrategien, korrektes Bibliografieren etc.
(4.) Vermittlung kritischen Bewusstseins („Geschichte wird gemacht durch Ideologie und Interpretationsansatz ihrer Forscher“)
(5.) Hausarbeit: Aufbau, Schreibstil, (vieles schon in den Punkten 1-4 enthalten)

Feinziel zum Mittelziel „Quellenanalysen“: Arten von Quellen, z.B. Textquellen wie Bücher, Zeitungen, Akten etc.
Feinziel zum Mittelziel „Textanalyse“: Exzerpieren
Feinziel zum Mittelziel „Literaturrecherche“: Kennen der einzelnen Datenbanken für Literaturrecherche,
Feinziel zum Mittelziel „Vermittlung kritischen Bewusstseins“: Gegenüberstellung von zwei divergierenden Forschungsansätzen (z.B. Great-Man-theory vs. …),
Feinziel zum Mittelziel „Hausarbeit“: (kleine) Rezension schreiben, (größere) Übungshausarbeit schreiben

Sozial-
kompetenz

Führung von Diskursen im Seminar

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Grundregeln des Diskurses kennen und leben
Schüchterne Studierende sollen sich zu Redebeiträgen trauen

Personal-
kompetenz

Geschichtswissenschaft vertreten und leben (besser formulieren!)

Begeisterung fürs Fach (intrinsische Motivation)
Wissenschaftliche Werte

Begeisterung fürs Fach (intrinsische Motivation)
Wiss. Werte Hausarbeit (Plagiate) etc.

Auf Basis seiner Lernziele wählt Thomas M. nun die passenden Lehr- und Prüfungsmethoden aus.

Ober-, Mittel- und Feinziele sowie die Kompetenzbereiche, eigenes Beispiel

Kompetenz Oberziele Mittelziele Feinziele
Fach
kompetenz
Methoden
kompetenz
Sozial
kompetenz
Personal
kompetenz